Rezension der Dissertation von Anita Ciechomska

By | 27 Januar 2016

Rezension der Dissertation von Anita Ciechomska, „Literarische Eigenschaften der videographierten und transkribierten Interviews mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung“. Warszawa: Dissertationen des Instituts für Germanistik der Universität Warschau (DIG), 2015

von Bruno Arich-Gerz

Die für das Jahr 2016 angesetzte Erweiterung der vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Germanistischen Institutspartnerschaft zwischen den Universitäten in Warschau und Wuppertal sieht die Gründung eines ‚Zentrums für Erinnerungskultur und Edition‘ (ZEE) vor. Im Vorfeld dieser Erweiterung erfolgt eine Bestandsaufnahme der auf Warschauer und Wuppertaler Seite vorhandenen Expertise im gedächtnispolitischen und kulturwissenschaftlichen Bereich. Die Bestandsaufnahme beginnt mit diesem Beitrag und soll sukzessiv ausgebaut werden.

Anita Ciechomskas Dissertation „Literarische Eigenschaften der videographierten und transkribierten Interviews mit Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung“ untersucht die audiovisuell aufgezeichneten und in der Folge transkribierten, also einer mehr oder weniger richtliniengetreuen editorischen Bearbeitung unterzogenen Interviews mit Zeitzeugen und Überlebenden der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Exemplarisch sind die Sammlungen des Fortunoff Video Archives an der Yale University in New Haven (USA) und die der Shoah Visual History Foundation, für deren Gründung der Hollywoodregisseur Steven Spielberg den Erlös seines Blockbuster-Films Schindlers Liste zur Verfügung gestellt hatte und die bis heute über 50.000 Interviewaufzeichnungen durchgeführt und archiviert hat.

Anita Ciechomska hat eine Auswahl dieser videographierten Zeugnisse am Visual History Archive des Shoah Foundation Institute an der FU Berlin gesichtet und zusammen mit den von diesen Zeitzeugeninterviews erstellten Transkriptionen einer präzisen Sichtung und Analyse unterzogen. Weitere Interviewaufzeichnungen entstammen dem Projekt Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte, das von der Stiftung  „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert wird, und dem Videoarchiv der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das ausgewähltes Interviewmaterial in einer Dauerausstellung zeigt, die ihren Ort unter dem Berliner Holocaust-Denkmal hat.

Anhand von neun Interviews mit Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager und mit anderen Betroffenen und Zeugen der Terrorherrschaft wie Deserteuren und (späteren) Journalisten beleuchtet Anita Ciechomska das Zusammenspiel von videographischem und in Schriftsprache übersetztem sowie den jeweiligen Transkriptionsvorgaben folgenden (oder hiervon abweichenden) Zeugnissen. Dabei schält sie eine gänzlich neue Erscheinungsform von Egotexten heraus, denn bei den Transkriptionen handelt es sich weder um Autobiographien oder Memoiren noch um Chroniken oder Tagebücher oder die lediglich die Aussagen der Zeuge/innen dokumentierende Videos. Vielmehr handelt es sich hier um eine Gattung, „deren innovativer Charakter […] darin besteh[t], dass das Endergebnis des Werkes und dessen Rezeption von vier Komponenten bestimmt werden: der Zeuge, die Interviewsituation, die Transkriptionsrichtlinien und die Transkription selbst“ (S. 12).

In den Blickpunkt geraten smot zwei Akteure (und nicht mehr nur einer/): erstens die Zeugnis ablegenden Überlebenden selbst, und zweitens deren Transkriptoren. Anita Ciechomska führt in  ihrer Arbeit mit anderen Worten das fort, was im US-amerikanischen Yale vor zwanzig Jahren etabliert wurde und seither disziplinäre Nobilitierung erfahren hat, nämlich die intensive literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit textuellen Formen der Zeitzeugenschaft, die sich auf Opferschaft und Überleben im nationalsozialistischen Deutschland bezieht.

Geoffrey Hartman, Cathy Caruth oder Ulrich Baer haben in der Aufbereitung von audiovisuellen Aufzeichnungen traumarischer Erinnerungen an die Shoah Pionier-und sodann Theoriearbeit geleistet. Unterstützt wurden sie bei der konkreten Aufzeichnungsarbeit durch Praktiker wie den Psychoanalytiker Dori Laub, ehe die von ihnen zusammengestellten Interviews von Literaturwissenschaftlern wie Lawrence L. Langer ausgelegt worden sind. Die Studie von Anita Ciechomska findet sich in dieser Linie wieder und setzt zugleich neue generisch-analytische Akzente.

 

 

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